PLAY — die aneinandergereihten JETZT Momente

Schöner solider Impro Avantgarde Hymnen Rock

Zitat / Text aus:

Der Palast der Großen Kunst“
oder
„Ich Übe aber Es Spielt

von Andreas Doerne


„Ich habe mich nie besonders darum gekümmert, viel zu üben – heute übe ich so gut
wie gar nicht mehr – aber selbst damals war ich alles andere als ein Sklave des Instruments.“
„Und ich sagte: Geben Sie mir eine halbe Stunde ihrer Zeit und Aufmerksamkeit und
einen ruhigen Raum, und ich könnte jedem von Ihnen beibringen wie man Klavier
spielt – alles, was man über das Klavierspielen wissen muss, kann in einer halben
Stunde gelehrt werden, davon bin ich überzeugt.“

Glenn Gould


Die meisten Musiker bleiben ihr Leben lang Dilettanten. Sie sitzen in der großen
Wartehalle mit dem leicht vergilbten Schild an der Eingangstür, auf dem geschrieben
steht: ZUR GROßEN KUNST – sitzen und warten. Warten darauf, dass Ihnen Einlass
gewährt wird in den Palast. Seine Räume sollen aus purem Gold und die Mosaikböden
aus feinstem Marmor gemacht sein. Und das Unglaublichste ist: man hört nie auch nur
einen falschen Ton darin – so wird jedenfalls erzählt, denn keiner der Wartenden hat
ihn je von innen gesehen.
Da Kunst von Können kommt, und Übung bekanntlich den Meister macht, gibt es keine
Zeit zu verlieren. Jeder Wartende ist aufs Eifrigste damit beschäftigt, sein Instrument
zu bearbeiten. Jeder übt. Und alle hoffen irgendwann in ferner Zukunft einmal
Einlass in den Palast gewährt zu bekommen. Solange bleiben sie gezwungenermaßen
Dilettanten im Wartestand. Das ist aber auch völlig in Ordnung so, finden irgendwie
alle.
In einer Ecke der Wartehalle gibt es ein kleines, wenig einladendes Zimmer mit kahlen,
grauen Wänden und Neonröhren an der Decke, deren grelles Licht schon länger
die Szenerie beleuchtet, als die meisten der Wartenden alt sind. In diesem Zimmer sitzen
abwechselnd honorige Professoren, spitzzüngige Kritiker und auch der ein oder
andere Große Künstler von innerhalb des Palastes, der aufgrund eines Vergehens gegen
die Große Kunst vorübergehend strafversetzt wurde. Sie alle empfangen ab und an
einen Kandidaten aus der Wartehalle, um mit Argusaugen und -ohren seine künstlerischen
Leistungen zu überprüfen und über einen möglichen Einlass in den Palast zu
entscheiden. Die meisten, die aus diesem Zimmer herauskommen, sehen noch ungesünder
aus als sie eh schon ausgesehen haben. Manche haben sogar Tränen in den Augen
und verlassen gebeugten Ganges und stillen Schrittes für immer die Wartehalle.
Andere stürzen sich, kaum dass sie das Zimmer verlassen haben, gleich wieder auf ihr
Instrument und beginnen noch verbissener zu üben als vorher. Keiner der Mitwartenden
fragt, wie es gelaufen ist. Es würde auch nur stören, denn schließlich hält es sowohl
den Fragenden als auch den zur Antwort Genötigten vom Üben und Warten ab.
Und außerdem: Beschränkte Horizonte und eindimensionale Weltsichten können ihre
zweifellos sinnvolle Funktion nur erfüllen, wenn sich alle daran halten und keiner
querschießt.

Eine schrilles Signal ertönt und – endlich! – mein Name schallt über einen quäkigen
Lautsprecher durch die große Wartehalle.
Die letzten Male hatte ich immer Pech.
„So kann man Mozart doch nicht spielen…“,
„Sagen Sie, haben Sie überhaupt den Notentext gelesen…?“,
„Sie müssen dringend an Ihrer Technik arbeiten…!“,
„Das klingt ja wie gewollt und nicht gekonnt…“.
Recht hatten sie, glaube ich. Ich fand mich auch nicht wirklich gut, obwohl ich stets
äußerst bemüht war, den Anforderungen der Großen Kunst zu entsprechen. Manchmal
hatte ich den Eindruck, meine Stücke würden von Übetag zu Übetag schlechter. Wahrscheinlich
arbeitete ich noch nicht hart genug an Ihnen. Übrigens: Ich liebe Musik. Ja,
ich liebe sie; und ich liebe es, selber Musik zu machen. Warum, kann ich nicht so genau
sagen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dabei intensiver zu leben als sonst. Alle
meine Energien sind auf einmal so präsent, fast so, als ginge es um Leben und Tod. Es
ist dermaßen anders, als alles was ich sonst so erlebe, dass ich manchmal denke:
Wow… das bin ich? Jedenfalls war es früher oft so – früher, als ich noch nicht in der
Wartehalle saß. Ist schon eine ganze Weile her. Seitdem ist dieses Gefühl, ich weiß
nicht wie, verschwunden. Na ja, schließlich fängt für jeden irgendwann einmal der
Ernst des Lebens an. Ein bisschen nur mal so zum Spaß auf dem Klavier herumklimpern
oder über aufgeblasene Verstärker in die Saiten einer E-Gitarre dreschen, das
kann ja jeder. Das ist keine Kunst. Aber ich will nicht irgendetwas Dilettantisches, ich
will Große Kunst. Dafür muss ich üben, üben und nochmals üben. Ob mir das Spaß
macht, ist dabei nicht das Thema. Arbeit ist schließlich kein Eisschlecken, und wenn
man sein Instrument wirklich beherrschen will, muss man verdammt hart arbeiten.
Ich stehe auf und marschiere bewusst selbstbewusst durch die halb geöffnete Tür in
dieses so wichtige Zimmer. Den Blick vor mich hin auf den Boden geheftet, lenke ich
meine Schritte zielstrebig zum großen schwarzen Flügel in der Ecke. Setzen. Klavierhocker
auf die richtige Höhe justieren, sodass die Unterarme zu den Tasten einen
Winkel von 180 Grad beschreiben. Mozart B-Dur Sonate KV 333. Alle bestens bekannten
Problemstellen noch einmal im Blitzdurchlauf ins Bewusstsein rufen und im
Kopf mit positiven Assoziationen belegen, konzentrieren, ach ja… Luft holen, nochmal
konzentrieren, die Anspannung (warum bin ich eigentlich immer so angespannt?) mit
ein paar Feldenkraiskniffen und Alexandertricks verbannen, Ausdruckswillen geschärft,
drei Sekunden künstlerische Vorabkonzentrationsspannungssteigerungspause,
und dann: LOS!

Meine Hände sinken erschöpft auf die Knie und ein Gefühl abgrundtief ohnmächtiger
Wut steigt in mir auf. Schon wieder nichts! Nicht wirklich schlecht aber auch nicht
wirklich gut. 15 Minuten korrektes aber total langweiliges Tongeschwätz, bla bla bla…
Ich bin frustriert. Wahrscheinlich werde ich nie hinter das Geheimnis kommen, wie
man richtig gut Klavier spielt. Schon im Rausgehen begriffen schweift mein leerer
Blick kurz durch den Raum. Hinter einem schäbigen Kunstholztisch sitzt eine hagere
Figur. Allein. Ich stutze und schaue genau hin:
„Herr Gould??? Sie hier…? Das ist ja… Ich bin ein großer Fan von Ihnen! Tut mir leid,
dass Sie sich meinen Mozart anhören mussten… Aber Sie sind doch eigentlich tot…!?“
Die Figur schmunzelt in sich hinein.
„Bin ich, bin ich. Aber nachdem ich mich als Lebender noch eigenhändig dagegen
wehren konnte, in diesen abscheulichen Palast gesperrt zu werden, war mir das als
Toter nicht mehr so einfach möglich. Die Kritiker sind da gnadenlos: Jahrhundertgenie…
Unangefochtener Meister der Bach-Interpretation…, dieser ganze Blödsinn. Aber
jetzt habe ich einen Weg gefunden. Habe einfach ein paar Mozart-Sonaten, sagen wir,
auf die Schippe genommen und schwups, bin ich in diesem Zimmer gelandet. ‚Herr
Gould, bei aller Ehre, aber so kann man Mozart nun wirklich nicht spielen…!‘ Leider
waren Sie zu ehrgeizig und, nachdem Sie über Lautsprecher aufgerufen wurden, zu
schnellen Schrittes hier drin. Ich hatte keine Zeit, zu entkommen. Aber heute wird sich
mir hoffentlich noch die Gelegenheit zur Flucht bieten.“
„Aber wieso? Alle die hier warten, würden ihr Leben dafür geben, hereingelassen zu
werden!“
„Ja, das ist wirklich bedauernswert. Wenn sie wüssten, dass das hier nichts anderes ist
als ein elitäres Ghetto mit diktatorischen Hierarchiestrukturen und einer unglaublich
langweiligen, genormten Kultur – sie würden alle die Flucht ergreifen, so wie ich.
Kunst lässt sich nicht vom alltäglichen Leben trennen. Und Musik ist, wie jede andere
Kunst auch, eine grundlegende menschliche Ausdrucksform. Jeder kann auf seinem
eigenen Niveau jederzeit Große Kunst machen. Leider wissen das die wenigsten. Und
dann fangen sie an zu üben, und ohne dass sie es merken, entfernen sie sich immer
weiter von der Großen Kunst, obwohl sie davon überzeugt sind, mit ihrer Arbeit genau
dieses Ziel zu erreichen. Sie stehen sich selbst im Wege und merken es nicht.“
„Wollen Sie damit sagen, man sollte niemals anfangen zu üben und sich mit dem bisschen
Können zufriedengeben, das man natürlicherweise mitbringt?“
„Keinesfalls. Es geht nicht darum, ob man übt, sondern wie man übt. Und vielleicht
gibt es ja ein Üben, das man eigentlich nicht mehr als Üben bezeichnen kann, weil in
seinem Weg das Ziel schon enthalten ist.“
Ich bin verwirrt – schon wieder beziehungsweise immer noch. Dann fällt mir etwas
ein:
„Herr Gould, was ich Sie schon immer fragen wollte… Ich habe irgendwo in einem
Interview von Ihnen gelesen, dass Sie jedem in einer halben Stunde alles beibringen
könnten, was man übers Klavierspielen wissen muss. Was zum Teufel haben Sie damit
gemeint?“
Gould lacht.
„Das haben Sie gelesen…? Ja, ja. Das war einer meiner ersten Selbstverteidigungsversuche
gegen die Vereinnahmung durch diese komische Gesellschaft hinter den furchtbaren
Mauern hier. Sozusagen Notwehr. Aber mal im Ernst. Es stimmt. Eigentlich
brauche ich nur fünf Minuten. Soll ich es Ihnen zeigen?“
Ich nicke heftig. Natürlich!
„Also, setzen Sie sich ans Klavier, aber nicht so verkrampft wie vorhin. Denken Sie
daran: Sie sind hier nicht beim Zahnarzt. Es geht auch nicht darum, dass Sie diesem
wunderbaren Klangkasten mehr oder weniger gewaltsam Ihren Willen aufzwingen. Sie
müssen vom Machen zum Lassen kommen. Vom Gestaltenwollen zum Gestaltetwerden.
Vom Ich-spiele zum Es-spielt. Die Musik wird Sie durch sich selbst hindurchführen.
Alles was Sie zu tun haben ist, sich nicht einzumischen. Es braucht eine absichtslose
innere Stille in deren Raum hinein sich die Klänge entfalten können.
Fangen Sie mit dem Schwersten an: Improvisieren Sie. Spielen Sie einen ersten Ton
und achten Sie darauf, wo er hin will. Nehmen Sie den Klang nicht nur mit ihren Oh4
ren, sondern mit dem ganzen Körper auf. Lassen Sie sich von ihm innerlich und äußerlich
bewegen. Versuchen Sie nicht, künstlich irgendeinen Ausdruck zu erzeugen.
Und kümmern Sie sich nicht um Technik. In den meisten Fällen sucht sich die Musik
die Technik, die nötig ist, selber. Sie müssen nur dafür Sorge tragen, dass Körper und
Geist durchlässig sind. Wenn Sie spüren, wohin der Klang möchte, dann hindern sie
ihn nicht daran, sich genau dorthin zu entfalten.
Und hören Sie auf, sich angestrengt zu konzentrieren. Das ist grauenvoll! Konzentration
bedeutet Verengung des Geistes. Was wir brauchen ist Weite. Sie müssen aufhören,
zu kämpfen. Geben Sie Ihr Bestes, aber seien Sie völlig gleichgültig gegenüber dem
Ergebnis. Ihre ganze Existenz muss im Spielen aufgehen, ohne dass es sie interessiert,
ob und was dabei herauskommt. Verlassen Sie den Wartestand des gewöhnlichen Übens,
der Sie gefangenhält im Hoffen auf die Zukunft. Es gibt nur einen richtigen Zeitpunkt
für lebendige Musik, und der ist jetzt.
Wenn Sie das beherzigen, beginnen Kräfte in Ihnen zu wirken, von denen Sie nie geglaubt
hätten, dass sie in Ihnen sind. Aber es sind eigentlich Kräfte, die nicht von Ihnen
stammen, nicht durch Ihren Willen hervorgebracht werden. Sie als Musiker sind
nur Medium, eine Art Antenne. Empfangen und Weiterleiten – das ist ihr Auftrag. So
werden Sie selber zur Musik und die Musik zu Ihnen. Dann gibt es keine Probleme
mehr ob richtig oder falsch, gut oder schlecht.
Am Ende müssen Sie alle Anweisungen vergessen. Wer nach Anweisung handelt, der
ist nicht frei. Und wer im Augenblick des Musizierens nicht frei ist, kann keine lebendige,
andere Menschen berührende Musik machen – und darum geht es doch beim
Klavierspielen, oder?“

Ich schaue auf. Glenn Gould ist verschwunden. Habe ich jetzt zehn Minuten gespielt
oder zwei Stunden? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich selten so glücklich. Zärtlich
streiche ich noch einmal über die Tasten, schließe vorsichtig den Klavierdeckel und
verlasse das Zimmer. In der großen Wartehalle ist es auffällig still. Keiner übt. Alle
starren mich an. Jetzt erst bemerke ich, dass sich am anderen Ende der Halle eine große
Pforte geöffnet hat, die sonst immer verschlossen war. Es ist der Eingang zum Palast.
Auf der Schwelle stehen zwei in Brokat gewandete Wächter, die mich hektisch
gestikulierend zu sich winken. Ich winke freundlich zurück, drehe mich um und gehe
zur gegenüberliegenden Tür hinaus. Hinaus in die Welt der Dilettanten